Freitag, 30. Mai, 18:00 – 19:45 Uhr

mit Claus Peter Ortlieb

Die mathematische Naturwissenschaft stellt für viele andere Wissenschaften ein Ideal dar, dem es nachzueifern gilt. Sie zielt nach allgemeiner Auffassung auf objektive Erkenntnis von Naturgesetzen, die mit den Erkenntnissubjekten nichts zu tun haben, sondern schon zu Zeiten der Dinosaurier galten und auch dann noch gelten werden, wenn sich die Menschheit unter Zuhilfenahme ihres naturwissenschaftlichen Wissens selber ausgerottet haben sollte.
Allerdings ist die der neuzeitlichen Wissenschaft zugrunde liegende Erkenntnisform historisch spezifisch, es gibt sie erst seit dem Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft Anfang des 17. Jahrhunderts. Menschen in vormodernen Sozietäten haben so nicht gedacht, sondern hätten die modernen wissenschaftlichen Auffassungen als offenkundig falsch, ja absurd eingestuft.
Wie passt das zusammen? Um sich dieser Frage zu nähern, ist zum einen zu klären, was genau die naturwissenschaftliche Methode eigentlich ausmacht. Zum anderen ist zu untersuchen, ob es einen Zusammenhang zu der besonderen Form bürgerlicher Vergesellschaftung durch Ware, Arbeit, Geld und der Abspaltung des Weiblichen gibt und worin er ggf. besteht.
Die Aufdeckung der Genese des modernen Denkens wirft auch Licht auf die Grenzen dieser Art von Wissenschaft und darauf, welche Fragen mir ihr besser nicht behandelt werden sollten.

Claus Peter Ortlieb, Jahrgang 1947, war von 1985 bis 2011 Professor für Mathematik an der Universität Hamburg und ist seit 2004 Redakteur der Zeitschrift EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Mathematische Modellierung und Simulation, Methoden-, Erkenntnis- und Wissenschaftskritik, Ökonomiekritik, Krisentheorie. Neuere Publikationen: s. www.math.uni-hamburg.de/home/ortlieb/