Freitag, 30. Mai, 15:00 – 16:45 Uhr

mit Heiko Vollmann

Die organisierte studentische Kritik an den Hochschulreformen der letzten zwei Jahrzehnte richtete sich vor allem gegen Studiengebühren und den durch sie durchgesetzten „sozialen numerus clausus“, gegen die Verkürzung der Studiengänge und die Entwertung der Studienabschlüsse durch den Bologna-Prozess, gegen die erweiterte Autonomie der Hochschulen, die sich als erweiterte Heteronomie der Forschenden, Lehrenden und Lernenden auswirkt, gegen den zunehmenden Einfluss von Privatunternehmen auf die Inhalte von Forschung und Lehre sowie gegen die mit all diesen Maßnahmen forcierte Abwicklung des humanistischen Bildungsideals und die Zurichtung von Bildung zur blanken Ausbildung.
Kritik und Protest werden meist vorgebracht aus der interessierten Perspektive der von all diesen Maßnahmen negativ Betroffenen. Sie wenden sich gegen allerlei schlimme Wirkungen der Reformen auf die Lebenslagen der Studierenden und auf die Studierbarkeit der Ausbildungsgänge überhaupt. Kaum je wird reflektiert auf die grundsätzlichen gesellschaftlichen Funktionen, die der staatlich organisierte und administrierte, freie Bildungs- und Wissenschaftsbetrieb seit eh und je erfüllt, und auf den objektiven Zweck der Reformen, die auf die zeitgemäße, verbesserte Erfüllung dieser grundsätzlichen Funktionen abzielen. Von einer Kritik der allgemeinen Inhalte der Studiengänge ist, mit Ausnahme der Initiativen für Zivilklauseln, welche sich gegen die Rüstungsforschung und -lehre wenden, kaum etwas zu sehen.
Der Vortrag erklärt die gesellschaftliche Funktion des Wissenschaftsbetriebs und die Kriterien, nach denen dessen staatliche Einrichtung sich grundsätzlich richtet, um von da aus den Sinn der aktuellen Zurichtungen des Betriebs begreifen zu können.